√úbergewicht – reine Kopfsache?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Montag, 20. Februar 2012

Warum f√§llt es √ľbergewichtigen Menschen so schwer abzunehmen? Dass sie gemessen an ihrem Energiebedarf zu viel Nahrung aufnehmen, scheint offensichtlich. Oft wird der Vorsatz, weniger zu essen, schnell wieder aufgegeben. Warum f√§llt der Verzicht auf Essen so schwer? Sabotiert das Gehirn die guten Vors√§tze?

Personenwaage
© puuikibeach

Im Rahmen des vom BMBF gef√∂rderten Kompetenznetzes Adipositas m√∂chten Wissenschaftler der Universit√§t T√ľbingen Reaktionen im Gehirn in Verbindung mit der Nahrungsaufnahme untersuchen. Mit Hilfe bildgebender Verfahren (Magnetoenzephalographie (MEG), funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)) versuchen sie, Vorg√§nge im Gehirn normal- und √ľbergewichtiger Menschen nachzuvollziehen. Wie reguliert das Gehirn Hunger- und S√§ttigungsgef√ľhl? Unterscheiden sich neuronale Prozesse bei Normal- und √úbergewichtigen? Lassen sich diese neuronalen Prozesse durch eine entsprechende Therapie steuern?

BMI-Rechner

Einige Frage konnten die Wissenschaftler bereits beantworten:

  • Verhaltenskontrolle: Bei einem erh√∂hten BMI (√úbergewicht) ist die Aktivit√§t im frontalen Bereich des Gehirns erh√∂ht. Da dieses Areal f√ľr die Verhaltenskontrolle zust√§ndig ist, k√∂nnte so erkl√§rt werden, warum Menschen mit √úbergewicht Probleme haben, ihre Nahrungsaufnahme ausreichend zu kontrollieren.
  • S√§ttigung: Bei √ľbergewichtigen Personen hat Insulin im Gehirn eine geringere Wirkung. Das Hormon signalisiert dem K√∂rper, wie viel Nahrung aufgenommen wurde. Eine Einschr√§nkung der Signalfunktion kann zu einem verminderten S√§ttigungsgef√ľhl und in der Folge zu erh√∂hter Nahrungsaufnahme f√ľhren.
  • Geschlechterunterschiede: Frauen und M√§nner reagieren unterschiedlich auf Hunger und S√§ttigung. Im Hungerzustand ver√§ndern sich die Hirnstr√∂me von Frauen st√§rker als von M√§nnern, wenn sie Bilder mit energiereichen Speisen betrachten. Die Forscher sehen darin einen Hinweis darauf, weshalb es Frauen schwerer f√§llt als M√§nnern, auf Speisen zu verzichten.
  • Ged√§chtnis: Stark √ľbergewichtige Personen reagierten in einem Ged√§chtnistest langsamer auf Reize und machten mehr Fehler als die normalgewichtige Kontrollgruppe.


leuchtender Kopf
© dierck schaefer

Die Erkenntnisse der Wissenschaftler sollen in der Praxis Anwendung finden. Ziel ist die Entwicklung von Verhaltenstherapien, in denen die Patienten lernen, ihre Hirnaktivität bewusst zu kontrollieren. Ein solcher therapeutische Ansatz ist z. B. die Biofeedbackmethode: Physiologische Vorgänge, die der eigenen Wahrnehmung nicht direkt zugänglich sind, werden darin durch die Messung von Körperfunktionen (z. B. von Gehirnströmen oder Körpertemperatur und Herzschlag u. a.) bewusst gemacht. Zur Veranschaulichung werden akustische oder visuelle Signale eingesetzt. Auf diese Weise soll eine Beeinflussung der physiologischen Vorgänge möglich werden. Die Methode wird bereits z. B. bei Angstzuständen, Schmerzen, Verstopfung, Inkontinenz, Asthma und Herzproblemen eingesetzt. Im Falle von krankhaftem Übergewicht wäre beispielsweise denkbar, dass die betroffenen Personen sich die Aktivität bestimmter Gehirnbereiche als bewegliches Thermometer vorstellen und lernen, ihr Verhalten in vorgegebenen Situationen zu verändern.

Bei Integration dieses therapeutischen Ansatzes in ein ganzheitliches Therapieprogramm, das auch medizinische, ernährungsphysiologische und sportliche Aspekte thematisiert, könnte sich so die Möglichkeit bieten, Übergewicht gezielt und langfristig erfolgreich anzugehen.

Quelle:

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verfasst von am 20. Februar 2012 um 07:25

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3 Kommentare zu “√úbergewicht – reine Kopfsache?”

  1. Super interessanter Beitrag. Danke!
    „Frauen und M√§nner reagieren unterschiedlich auf Hunger und S√§ttigung. Im Hungerzustand ver√§ndern sich die Hirnstr√∂me von Frauen st√§rker als von M√§nnern, wenn sie Bilder mit energiereichen Speisen betrachten. Die Forscher sehen darin einen Hinweis darauf, weshalb es Frauen schwerer f√§llt als M√§nnern, auf Speisen zu verzichten.“
    Wundert mich weniger. Frauen m√ľssen, evolutionstechnisch gesehen, ja nicht nur ihren eigenen Hunger im Blick haben sondern auch noch den der ungeborenen und/oder zu stillenden Nachkommenschaft.

  2. Es handelt sich bei Übergewicht nicht nur um reine Kopfsache! Auch die genetische veranlagung spielt dabei eine Rolle und hier sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau wie bereits erwähnt wissenschaftlich bestätigt

  3. Dobby sagt:

    Ich finde das hat auch was mit Motivation zu tun. Hatte fr√ľher auch √úbergewicht und ein Freund hat mir erz√§hlt, wenn ich so weitermache k√∂nnte ich in 1-2 Jahren zum Zahnersatz nach Ungarn fahren (wegen massiven Zahnproblemen und den Kosten daf√ľr) Das war einer der Punkte, die mich tats√§chlich abgeschreckt und zum Umdenken gebracht haben.

    Gr√ľsse
    Dobby

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